Wir sind mit schuld daran…

Besonders im letzten Jahr bekommen wir permanent zu hören, dass „wir“ an den Konflikten in der arabischen Welt, in Afrika, teilweise auch Südamerika „mit schuld sind“. Es ist unbestreitbar, dass „wir“ als nationale Staaten, als EU usw. dafür mitverantwortlich sind, durch unsere Konzerne, unsere Politik, unsere Waffenlieferungen usw.

Aber sind „wir“ – als einzelne Menschen – schuld? Bin ich schuld?

Für mich ist das ein weiterer Versuch (wie es schon viele vorher gab – z.B.: wir sind am Nationalsozialismus schuld), die Bürger für etwas verantwortlich zu machen, das sie nicht einmal beeinflussen können.

Ich bin nicht schuld an der Ausbeutung von Staaten in Afrika oder Asien oder Lateinamerika! Ich habe dort keine Unternehmen gegründet, ich habe dort keine Hungerlöhne gezahlt (im Gegenteil: ich habe immer für faires Handeln plädiert), ich habe keine Waffen nach Saudi Arabien exportiert usw…

Eigentlich ist es ganz offensichtlich: Es sind Unternehmer und Politiker, die diese Situationen wissentlich und absichtlich herbeiführen, um ihre Profite zu steigern – nichts anderes. Und raffinierterweise erklärt „man“ dann „uns“ für schuldig – und „wir“ ziehen uns den Schuh dann auch noch an.

Die meisten Missstände, die es auf der Erde gibt, sind von Unternehmen verursacht, die von der Politik gedeckt oder sogar gefördert werden. Aber das darf man kaum mehr offen sagen, wie sich überhaupt jegliche Kritik am Kapitalismus verbietet: immerhin hat er „uns“ reich gemacht; nur, dieses „uns“ wird immer kleiner…

Wir halten uns eine Politik, die sich Menschlichkeit, Fairness, Solidarität und Demokratie groß auf die Fahnen geschrieben hat und dulden ein Wirtschaftssystem, das mit all diesen Werten nichts am Hut hat und sie permanent torpediert. Wir sehen es als Naturgewalt an, als unbeeinflussbare Tatsache, dabei tragen „wir“ es mit.

Normalerweise würde man in einer freien, offenen Gesellschaft dagegen protestieren, auf die Strasse gehen – aber: inzwischen erklärt man uns, dass dieser Protest „rechts“ ist, dass er radikal ist, dass er die Gesellschaft spaltet, die Demokratie gefährdet, dass er undemokratisch ist. Es ist perfid: Wir sollen in einer Demokratie nicht auf die Strasse gehen und gegen die Regierung protestieren, weil es rechts, radikal und undemokratisch ist!? Dabei spaltet nicht der Protest die Gesellschaft, sondern der Protest ist Ausdruck dieser Spaltung, die durch eine über Jahre untätige Politik zustande gekommen ist. Aber das ist der rote Faden, der sich in den letzten Jahren durch unsere vermerkelte Politik zieht: Wer kritisiert, der spaltet, hetzt auf, polarisiert und ist „populistisch“ – dabei geht es nur darum, jegliche Kritik an dieser Politik und diesem Wirtschaftssystem im Keim zu ersticken. Dafür ist ein permanentes schlechtes Gewissen im Bürger ein exzellenter Hebel: „Was protestierst du denn gegen uns? Du bist doch selbst mit schuld an dieser Situation! Du hast doch die billigen T-Shirts aus Bangla Desh gekauft!“

Ich habe es schon einmal geschrieben: Der Kapitalismus hält sich die Demokratie als Hure; sie soll uns darüber hinwegtäuschen, dass unter der Oberfläche ein durch und durch undemokratisches, menschenverachtendes und unsolidarisches Wirtschaftssystem agiert und manipuliert. Man spielt uns vor, dass wir unser tägliches Leben mit Wahlen beeinflussen können, allerdings haben diese Wahlen keinerlei Einfluss auf das Verhalten von Unternehmen, die für den größten Teil der Missstände – hier im Land und weltweit – verantwortlich sind.

Man erklärt uns, dass wir uns Demokratie-konform verhalten müssen, dabei haben wir aber tagtäglich mit einem Wirtschaftssystem zu tun, dass weder an Menschen, noch an Staaten, noch an Werten, Moralvorstellungen oder sonstigen menschlichen Konzepten interessiert ist. Wir sollen fair sein, solidarisch, gemeinschaftlich; ist unser Wirtschaftssystem fair, solidarisch, gemeinschaftlich?

Wir sind nicht mit schuld an der Situation in Syrien, in Afrika, in Asien, aber wir sind mit schuld daran, dass diese Politik und dieses Wirtschaftssystem weiter agiert, wenn wir nicht dagegen aufstehen.

 

Das Köln-Problem

Zu den Geschehnissen in der Silvesternacht in Köln selbst muss nicht viel gesagt werden – das spricht für sich. Was allerdings einer Erwähnung bedarf, ist die Pressemitteilung, die die Polizei am nächsten Tag veröffentlichte und in der Folgendes zu lesen war:

„Wie im Vorjahr verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich.“

Und als Abschluss der Mitteilung dann noch folgender Absatz:

„Kurz vor Mitternacht musste der Bahnhofsvorplatz im Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt werden. Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern, begannen die Beamten kurzfristig die Platzfläche zu räumen. Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt – auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte.“

Der kürzlich aufgetauchte interne Polizeibericht beginnt mit den folgenden Worten:

„Schon bei der Anfahrt zur Dienststelle an den Hauptbahnhof Köln wurden wir von aufgeregten Bürgern mit weinenden und geschockten Kindern über die Zustände im und um den Bahnhof informiert“

Und wenige Sätze später:

„Am Parkraum angekommen, liefen viele aufgewühlte Passanten auf die Einsatzkräfte zu und berichteten unter anderem über die oben beschriebenen Zustände und über Schlägereien, Diebstähle, sexuelle Übergriffe an Frauen usw.“

Und schließlich als Kernsatz:

„Wir kamen beide zu dem Entschluss, dass die uns gebotene Situation (Chaos) noch zu erheblichen Verletzungen wenn nicht sogar zu Toten führen würde.“

Die Einsatzlage „gestaltete sich entspannt“, wie im ersten Bericht erwähnt?? Wenn ich ganz ehrlich bin, denke ich, dass wir verarscht werden. Und ich möchte an dieser Stelle ganz ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich nicht denke, dass diese Vertuschung in erster Linie durch die Polizei selbst in die Wege geleitet wurde, sondern ich vermute, dass unsere Regierung dahinter steht, die – wieder einmal – die „Bürger nicht unnötig beunruhigen“ wollte.

Für mich sieht das nach bewusster Täuschung unserer Regierung aus. Und es stellt sich die Frage, was wir alles noch nicht erfahren – damit wir nicht „unnötig beunruhigt“ werden…

Vorurteile…

Das Wort „Vorurteil“ dürfte 2015 eines der am häufigsten verwendeten Worte gewesen sein – meist in Verbindung mit rechter Propaganda.

Der Duden definiert das Wort folgendermaßen:

ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene, meist von feindseligen Gefühlen gegen jemanden oder etwas geprägte Meinung

Ich erlaube mir an dieser Stelle die Ergänzung „meist feindselig“ zu ignorieren und frage mich dann, ob eigentlich nur „rechte Kommentare“ als Vorurteile zu werten sind, wie es im letzten Jahr im Zusammenhang mit Flüchtlingen meist dargestellt wurde. Grundsätzlich scheint es mir eher so zu sein, dass generell Meinungen, die ohne fundierte Grundlagen verkündet werden, Vorurteile sind. Das bezieht sich nicht zwangsläufig nur auf „rechte“ Kommentare…

Mir erscheinen Sätze wie „Wir schaffen das“ ebenfalls als Vorurteile, denn „objektive Tatsachen“ haben wir bzgl. der Flüchtlinge nicht, und die meisten Menschen haben diese Meinung „voreilig gefasst“ – oder noch schlimmer – „übernommen“.

Eigentlich fallen für mich alle Meinungen, die grundsätzlich davon ausgehen, dass „alles gut wird“, unter die Kategorie „Vorurteil“…

Grundgedanke

Kapitalismus beutet aus, er erniedrigt, er unterdrückt, er tötet, er führt Kriege aus reinen Macht- oder Geldinteressen, er verblendet, er täuscht, er lügt, er vernichtet Ressourcen bis er selbst Zugrunde geht, er hält sich an keine moralischen oder ethischen Werte, er hat nicht im Entferntesten mit Demokratie zu tun, aber er hält sich die Demokratie als Hure.

Kriege werden geführt im Namen der Demokratie, das System aber, das dann de facto die Macht in diesen Ländern übernimmt, ist völlig undemokratisch – es ist eine Wirtschaftsdiktatur.

Für mich ist es ein Grundgesetz, dass die Wirtschaft nicht das Primat über die Politik haben darf. Keine Organisation, die sich nicht ausdrücklich zu moralischen und ethischen Werten bekennt, darf so viel Macht erlangen, dass sie die Gesellschaft mitbestimmt bzw. sogar deren Untergang bewirken kann. Wenn Unternehmen „too big to fail“ sind, dann müssen sie so klein gemacht werden, dass sie nicht mehr „too big“ sind, und dass sie „failen“ können, wenn sie versagen. Und man sollte daraus lernen und wirtschaftliche Macht beschränken.

Kapitalismus ist unmenschlich, rücksichtslos und egoistisch.

Warum halten wir uns ein Wirtschaftssystem, dass uns nicht einmal als Menschen wahrnimmt, sondern in uns nur Mehrwert sieht? Ein System, dass uns nur als Faktoren sieht, die in irgendeiner Weise etwas „umsetzen“? Ein System, das nicht im mindesten interessiert, wo wir eigentlich hinwollen? Ein System, das von Menschen betrieben wird, die immer mehr wollen und auch nicht glücklich sind und das noch nicht einmal verstehen?

Seltsam ist, dass es in den letzten Jahrzehnten so geworden ist, dass jegliche Kritik am Kapitalismus als lächerlich diffamiert wird. Wir glauben inzwischen, es gäbe kein anderes Wirtschaftssystem als den Kapitalismus. Nein, ich bin kein Kommunist, aber ich sehe in der Grundidee dieses Systems eindeutig Elemente, die man bedenken könnte.

Rückwirkend betrachtet ist es erschreckend, wie schnell und restlos der Kapitalismus den Sozialismus ausgerottet hat. Das musste auch schnell gehen, bevor Menschen anfangen, darüber nachzudenken und feststellen, dass nicht alles an der Idee schlecht war.

Zum Beispiel, dass in einem Wirtschaftssystem Menschen der wichtigste Faktor zu sein haben und nicht Gewinne – das halte ich für eine humane Gesellschaft als unabdingbar.

Dass nicht niederste Triebe wie Gier über das Schicksal von vielen Menschen entscheiden dürfen ebenso.

Dass nicht die Wirtschaft die Richtung einer Gesellschaft lenkt, sondern die Menschen selbst – also die Politik, ist für mich ebenso ein Dogma.

Wirtschaft hat sich den Menschen, der Gesellschaft, unterzuordnen, sie hat ihr zu dienen, sie hat sie nicht zu bestimmen und zu lenken.

Wir halten uns noch immer ein Wirtschaftssystem aus der Steinzeit. Und noch immer hat der am meisten Macht, der die größte Keule hat. Erschreckenderweise hat es sich seitdem auch kaum verändert. Sämtliche Veränderungen wurden diesem System von der Politik mühsam aufgezwungen. Hätten wir keine Politik, würden wir gar nicht mehr existieren.

Das Lästige aber ist, dass es nicht nur die Wirtschaft ist, die diese Probleme verursacht, sondern wir selbst.

Wenn man jeden Tag Äpfel hat, will man irgendwann Orangen haben und irgendwann will man Bananen haben und…

Das Fatale an diesem Mechanismus ist, dass er zu nichts führt, dass er kein Ende hat und dass er Menschen vor sich hertreibt, dass er immer mehr Ressourcen ranschaffen muss und an den Seelen der Menschen zehrt. Er macht Menschen kaputt, weil er sie jedes Sinnes beraubt, indem er ihnen Lustgewinn als einziges Ziel einpflanzt und sie dafür mit immer neuen „Erlebnissen“ ködert. Er schafft Sinnleerheit und bietet als Ersatz Produkte an, nur um sich Macht zu verschaffen. Wir sind wie Hamster im Laufrad.

Wären Orangen so teuer, dass man sie kaum bezahlen und sich nur selten leisten könnte, dann wären sie etwas besonderes. Wären Äpfel so teuer, dann wären sogar sie etwas besonderes (und die müsste man gar nicht tausende Kilometer weit herschaffen). Müsste ich meinen Apfel selbst pflücken, wäre er vermutlich noch außergewöhnlicher. Nur der seltene Genuss macht etwas zu etwas besonderem. Es ist ein rein subjektiver Prozess, den wir selbst steuern können. Je mehr wir wollen, desto mehr müssen wir erschaffen.

Es ist das Gefühl, etwas besonderes zu tun oder zu erleben, was wir suchen. Je mehr wir uns diese Dinge zur Gewohnheit machen, desto schwieriger wird es, dieses Gefühl wieder zu erlangen; desto mehr müssen wir umsetzen, um dieses Gefühl zu bekommen, desto mehr müssen wir ausbeuten.

Würden wir uns bescheiden, wären die besonderen Dinge viel leichter zu erlangen und es müssten auch nicht immer neue Dinge sein.

Ich würde mir wünschen, dass man anfängt, öffentlich darüber nachzudenken, welche anderen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme es geben könnte. Man könnte aus der Geschichte lernen und an einem Wirtschaftssystem arbeiten, das den Menschen gerecht wird und nicht Einzelinteressen. Ein Wirtschaftssystem, dass z.B. dafür sorgt, dass möglichst alle Menschen an dem teilhaben können, was erwirtschaftet wird, wenigstens in dem Maße, dass sie überleben können – im Namen der Menschlichkeit. An diesen Kriegen und Problemen, die wir zunehmend sehen, ist nicht die Politik schuld, sondern die Wirtschaft. Sie sind die Folge von Ausbeutung, Raffgier, Unterdrückung und Maßlosigkeit – alles Grundeigenschaften des Kapitalismus. Selbst wenn diese Probleme irgendwo behoben werden, werden sie von der Politik behoben, nicht von der Wirtschaft. Coca Cola schließt keine Friedensverträge und baut keine Städte.

In diesem Land gab es einen kurzen Aufschrei, dass man doch auch die Wirtschaft heranziehen könnte, um die Maßnahmen für Flüchtlinge (die vor allem der Wirtschaft nützen werden) mitzufinanzieren. Das wurde von anderer Stelle mit dem Unterton der Lächerlichkeit abgetan. Thema erledigt.

Erstaunlich: Da will die Wirtschaft nicht einmal mitfinanzieren, was sie dann selbst zu Geld macht? Das ist eigentlich eine klassische „Investition“ und das klingt nach Wirtschaft.

Die Gemeinschaft soll die Flüchtlingslager bauen und verwalten, Häuser in die Landschaft stellen, Schulen herzaubern und betreiben, sich um alle Arbeitskräfte (und deren Ausbildung und die Probleme mit ihnen) kümmern – und das möglichst schnell – und wenn die Menschen ausgebildet sind, übernimmt sie die Wirtschaft und macht Gewinne mit ihnen, die sie dann im besten Fall nicht einmal versteuert? Das ist schlicht eine Frechheit.

Die Wirtschaft übernimmt keinerlei Verantwortung; sie lässt sich für jeden Müll subventionieren; sie fühlt sich keiner Moral oder Ethik verpflichtet; wenn Gesetze gegen sie erlassen werden, plärren sie wie kleine Kinder, dabei arbeiten sie schon daran, wie sie sie umgehen können; sie interessiert sich weder für Ostdeutschland noch für Deutschland, noch für Europa, noch für sonst irgendwen. Ich halte es für gefährlich, so einem System zu erlauben, in die Gesellschaft einzugreifen und sie mit zu gestalten.

Ich höre es schon: Der Kapitalismus existiert nicht als System! Doch, der Kapitalismus existiert als System. Er ist sogar ziemlich genau definiert – man kann ihn sogar studieren. Kapitalismus ist ein feudales System, in dem eine Minderheit Macht über eine Mehrheit ausübt. Diese Minderheit sind wenige Menschen, die ganz klar erkennbaren Zielen folgen – ihren eigenen. Kapitalismus ist durch und durch undemokratisch. Im Mittelalter wusste man wenigstens, wer der Herrscher war – heute halten sich diese Leute im Hintergrund, damit sind sie nicht angreifbar und existieren de facto gar nicht. Wie oft stellt sich ein Unternehmensführer der Öffentlichkeit? Sogar Merkel setzt sich in eine Talk-Show – warum nicht Winterkorn? Oder irgendein anderer VW-Chef? Warum müssen sich diese Leute nicht in der Öffentlichkeit rechtfertigen und sich Fragen nach ihrer Integrität und ihren Motivationen gefallen lassen, obwohl sie über das Schicksal von hunderttausenden von Menschen entscheiden? Diese Menschen sind auch keinerlei moralischen oder ethischen Werten verpflichtet. Sie dürfen ganz offiziell unmenschlich agieren, weil sie konkurrieren müssen – konkurrieren müssen mit anderen, die noch unmenschlicher sind. Will ich, dass solche Menschen über mein Schicksal entscheiden? Oder über das Schicksal anderer? Obwohl ihnen die anderen völlig egal sind?

Und bevor jetzt irgendjemand wieder mit der Nazi- oder Kommunismus-Keule kommt: Ich bin weder rechts noch links – ich kann selber denken.